THOMAS DÜRST FOTOGRAFIE

Architekturfotografie:
Gebäudeelemente — Fenster

(19. Juni 2020)
Als ich vor einigen Wochen das Buch „Alles nur Fassade? — Das Bestim­mungs­buch für moderne Architektur“ von Turit Fröbe in die Hände bekam (2018, Dumont Buchverlag, Köln), freute ich mich, damit meine Archi­tektur­fotos besser einordnen zu können. Doch so einfach ist das natürlich nicht:
Insbesondere in den Jahrzehnten seit etwa dem Jahr 1900 zeichnen sich die Bauepochen durch oft charakteristische Fensterformen aus. Ein im Vergleich zu früheren Jahrhunderten rascher Wandel ergab sich durch neue Möglich­keiten infolge der Entwicklung neuer Baustoffe. Dadurch wurden Konstruk­tionen möglich, die vorher unvorstellbar waren. Aber schon im Buch wird gewarnt: in späteren Zeiten wurden immer wieder ältere Fensterformen auf­gegriffen, die dann eine frühere Entstehungszeit der Gebäude vortäuschen können. Die Fenster allein reichen also zur Bestimmung der Epoche, in der ein Gebäude entstanden ist, keineswegs aus.
Erschwerend kommt hinzu, dass bei Renovierungsarbeiten oft die Fenster ausgetauscht wurden, also bei vielen älteren Gebäuden nicht mehr ursprünglich sind und — wenn nicht der Denk­mal­schutz dagegen spricht — auch vom ursprünglichen Aussehen abweichen.

Teil 1: Fensterformen
Teil 2: Fenster und Fassaden

Alle Fotos: © Thomas Dürst 2020

Fensterformen

Bei Spaziergängen in besiedelten Bereichen fallen einem bei aufmerksamer Beobachtung rasch verschiedenste Fensterformen auf: hoch-rechteckig, quer-rechteckig, quadra­tisch, Bogenfenster, runde oder ovale Fenster, frei geformte Fenster, ein- oder mehrflügelige, mit oder ohne Binnengliederung, mit oder ohne Umrahmung auf der Fassade, ...


Steinkreuz-(Kreuzstock-)Fenster (obere Reihe) und Blockrahmenfenster (untere Reihe)
Kreuzstockfenster teilen die gesamte Fensterfläche in vier oder mehr Teilflächen. Sie werden seit der Spätgotik verwendet. Ursprünglich bestanden die Fenster­kreuze aus Stein (wie in diesem Beispiel), später (Renaissance und Barock) ging man zu Kreuzstöcken aus Holz über. Das Prinzip wurde auch im 20. und 21. Jahrhundert immer wieder aufgegriffen.
Renaissance-Schloss von Vins-sur-Caramy (16. Jahrhundert) / Var / Frankreich, während der Restaurierung (Foto: August 2003)



Gekuppeltes Fenster, hier aus zwei Teilfenstern (Biforium); Rundbogenfenster
Die Kupplung von Fenstern wurde vor der Erfindung von Stahlträgern angewandt, um breitere Fensteröffnungen verwirklichen zu können. Kuppelfenster finden sich vielfach in romanischen und gotischen Bauwerken.


(Spät-)Gotisches Fenster
15. Jahrhundert



Dreiachsiges Kreuzstockfenster
ohne weitere Binnengliederung. Kreuzstockfenster teilen die gesamte Fensterfläche in vier (zweiachsige), sechs (dreiachsige) oder mehr (mehrachsige) Teilflächen. Die Fenster können insgesamt hoch- oder quer-rechteckig oder wie hier quadratisch sein.
Fassade mit quer gekämmtem Putz.


Dreiachsiges Kreuzstock-Ellipsenbogenfenster
mit waagrechten bzw. senkrechten Fenster­sprossen bzw. Sprossenkreuz; insgesamt etwa quadratisch.
Bogenfenster werden in verschiedenen Varianten ausgeführt: Rund-(Kreis-), Segment-, Ellipsen- und Korbbogenfenster.




Dreiachsiges Kreuzstock-Segment­bogen­fenster
mit waagrechten Fenster­sprossen im Hauptfenster; hoch-rechteckig.


Dreiachsiges Galgenstockfenster, Jugendstil
Eine Besonderheit ist die spielerische Unter­teilung der Teilfenster mit waagrechten, senkrechten und diagonalen Fenster­sprossen;
Anfang 20. Jahrhundert.



Dreiachsiges Kreuzstock-Ellipsenbogenfenster
mit waagrechten und senkrechten Sprossen in allen Teilfenstern; jugendstilartiges Fenster­gitter.


Verbundene Querstockfenster
Die beiden hoch-rechteckigen Fenster bilden durch die Umrahmung eine Einheit. Querstockfenster teilen die Fensterfläche in das (größere) Hauptfenster und ein Oberlicht.


Mittelkreuzstockfenster mit Sprossen
Der Mittelkreuzstock teilt das gesamte Fenster in vier gleich große Teilflächen. Im Beispiel hier sind die Teilfenster nochmals durch Sprossen in je sechs kleine Flächen gegliedert.



Galgenstockfenster
Beim Galgenstockfenster ist — anders als beim Kreuzstockfenster — das Oberlicht nicht geteilt.


Querstock-Zweiflügelfenster
Bei diesem Fenstertyp ist auch das Haupt­fenster nicht in zwei völlig separate Fenster geteilt. Der Mittelstock ist sozusagen in einen Fenster­flügel integriert (Stulp, Stulpfenster).



Fenster mit Unterlicht
2010er Jahre



Einscheibenfenster




Mittelstockfenster, asymmetrisch geteilt



ausgeprägt hoch-rechteckige Fenster: Schießschartenfenster
Die so genannten Schießschartenfenster er­freuen sich in den letzten beiden Jahrzehnten großer Beliebtheit, sind aber keine neue Erfin­dung: sie kamen schon in der Reform­archi­tek­tur (ca. 1900 bis 1918) zum Einsatz, damals allerdings — meist im oberen Teil — durch Kreuzsprossen in mehrere kleinere Teilfenster unterteilt.



Kellerfenster mit vorgesetzter Zweiflügel-Vergitterung; Metallrahmen
in Klinkerfassade


Vergittertes Kellerfenster; Einscheibenfenster
in gefliester Fassade



Rundfenster („Bullaugen“-Fenster)



Dreiflügelfenster ohne Binnengliederung
Zwei- und mehrflügelige Fenster ohne Binnen­gliederung (Sprossen) wurden ab den 1920er Jahren verwendet, vor allem dann aber ab den 1950er Jahren.



Quer-rechteckiges Glasbaustein-Fenster



Dachgauben-Fenster




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Mehr Architekturfotografie:

Fenster und Fassaden







© Thomas Dürst 2020