THOMAS DÜRST FOTOGRAFIE

Graffiti und Street Art:
Style Writing — eine kleine Stilkunde

(7. Jan. 2020)
Style Writing: Graffiti, die im Wesentlichen Buchstaben, seltener auch Ziffern enthalten. Die Buchstaben bilden einen Schriftzug, der oft, aber keineswegs immer den Namen bzw. das Pseudonym des Writers oder den Namen der Graffiti-Crew wiedergibt, der/die dafür verantwortlich zeichnet. Diese Graffiti werden im Writer-Jargon in ihrer Gesamtheit durch verschiedene Begriffe charakterisiert wie Tag, Throw-Up, Piece, Masterpiece, Silverpiece, Block­buster, Schraffo, Semi-Wildstyle, Simple Style, Wildstyle, Hollow, Bubble Style.
Dazu kommen noch weitere Begriffe, mit denen die Elemente eines Graffitis beschrieben werden (z.B. Outline, Fill-In, Background, Bubble, Drip, Highlight — doch dazu ein andermal mehr).

Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen? — Zunächst einmal verweisen einige dieser Begriffe auf die Komplexität von Graffiti. Andere beschreiben den eigentlichen Stil (Typ), d. h. die Ausgestaltung der Buchstaben und ob es zusätzliche Verzierungen gibt oder nicht — oder sie beziehen sich gleichzeitig auf Komplexität und Typ. Dadurch können viele Graffiti durch mehr als einen der genannten Begriffe beschrieben werden.
Erschwert wird die Zuordnung eines Graffiti zu diesen Kategorien durch zwei Dinge: Zum einen gibt es keine allgemein anerkannte klare Definition aller verwendeten Begriffe; sie werden teilweise unterschiedlich umfassend ge­braucht. Zum anderen halten sich Graffiti-Writer bei ihrer Arbeit natürlich nicht streng an theoretische Einteilungen — warum auch? Schließlich entstehen neue Styles dadurch, dass die bisherigen variiert und letztendlich stark verändert werden. Viele (alle?) Graffiti-Writer versuchen, einen eigenen Style zu kreieren, um sich damit von anderen zu unterscheiden. Infolgedessen existieren zahlreiche Werke, die Charakteristika mehrerer Kategorien in sich vereinen und nicht eindeutig oder überhaupt nicht einer der genannten Kategorien zugeordnet werden können.

Alle Fotos: © Thomas Dürst 2020

Throw-Up

(Komplexität) Nach dem „Tag“ (dazu mehr in einem späteren Beitrag) ist das Throw-Up, auch Throwie oder nur Throw, das hinsichtlich der Komplexität einfachste Style Writing-Graffiti. Es ist sehr einfach gehalten, weist ein bis zwei, weniger häufig auch mal drei Farben auf und kann so schnell und mit wenig Aufwand angefertigt werden. Jeder Buchstabe ist mit einer Linie umrissen und mit einer Farbe flächig oder nur grob, manchmal auch gar nicht gefüllt.
Stilistisch fallen Throw-Ups in der Regel in die Kategorien Bubble Style oder Blockbuster oder in Variationen davon, wobei gelegentlich auch nur Bubble Style-Graffiti als Throw-Ups bezeichnet werden (z. B. im Graffiti Cookbook, Dokument Press, Årsta, Schweden). Bubble Styles und Blockbuster können jedoch auch so ausgeführt sein, dass sie eher der Kategorie „Simple Style“ und nicht mehr „Throw-Up“ zuzuordnen sind.



Bubble Style; die Buchstaben sind nur grob gefüllt, so dass der Untergrund (übermalte ältere Graffiti) noch durchscheinen.
Berlin Mitte (Aug. 2018)

Throw-Up / Bubble Style

(Stil) Schriftzug aus einfachen, gerundeten, blasenartigen Buchstaben (Blasen, engl.: Bubbles). Die Buchstaben berühren sich oder überlappen. Punzen (Innenräume der Buchstaben) sind durch Striche angedeutet.



Blockbuster
München, Hirschgarten (Jan. 2011)

Throw-Up / Blockbuster

(Stil) Schriftzug aus einfachen Buchstaben, die man sich durch Überlagerung von mehr oder weniger rechteckigen Elementen zusammengesetzt denken kann (straight letters). Durch die meist weitgehend gleichmäßigen Strichstärken wirken die Buchstaben blockartig. Sie enthalten keine oder kaum Schwünge; die Buchstaben überlappen gar nicht oder nur wenig; Rundungen werden allenfalls bei Buchstaben eingesetzt, die sich nicht gut aus eckigen Elementen zusammensetzen lassen wie z.B. B oder D.
Ein wesentliches Kennzeichen der Block­buster ist ihre Größe: die sehr großen, kräftigen Buchstaben sind schon von Weitem gut lesbar.
Als Füllfarbe wird meist Weiß oder Chromsilber (siehe Silverpiece) verwendet.



Throw-Up ohne Füllfarbe (Fill-In)
Die Buchstaben sind zwar gerundet; der Stil entspricht aber nicht dem typischen Bubble Style (Punzen nicht strichförmig).
Augsburg (Nov. 2019)

Throw-Up / Hollow

(Stil) Mit "Hollow" wird ein Throw-Up ohne Füllfarbe bezeichnet, das also nur aus der Outline besteht. Für solche Graffiti ist auch der Begriff „Outliner“ gebräuchlich.



Throw-Up mit schraffiertem Fill-In. Die Buch­staben sind Blockbuster-ähnlich gestaltet, aber nicht gerade und überlappen leicht.
Berlin, Prenzlauer Berg (Aug. 2014)

Throw-Up / Schraffo

(Stil) Auch: Schraffi (ein englischer Begriff dafür scheint nicht zu existieren). Throw-Up, das nicht flächig ausgefüllt, sondern nur grob schraffiert ist.
Der Begriff „Schraffo” wird gelegentlich — fälschlicherweise — als Synonym für Throw-Up verwendet.



Piece

(Komplexität und Stil) Als Piece wird im Allgemeinen ein Graffiti bezeichnet, das aufwändiger als ein Throw-Up gestaltet ist. Es weist mindestens drei (in der Regel mehr) Farben auf, manchmal auch Farbverläufe, Schatten, oder Elemente, die eine Dreidimensionalität vortäuschen, und oft unterschiedliche Strichstärken der Buchstaben. Die Buchstaben können geschwungen, verbogen, verzerrt, miteinander verbunden und/oder mit Fortsätzen versehen sein. Oft finden sich neben den Buchstaben zusätzliche Stilelemente wie Pfeile, Blasen (Bubbles), Farbtropfen (Drips), ein Hintergrund (Background) und andere, die nicht Teile der Buchstaben sind, oder figürliche Darstellungen („Character“).
Der Begriff „Piece“ wird nicht ganz einheitlich gebraucht. Dies hat historische Gründe: In der Anfangszeit der (neuzeitlichen) Graffiti wurden alle in ihrer Komplexität über ein Throw-Up hinausgehende Werke als „Masterpiece“ oder kurz „Piece“ bezeichnet. Heute wird gelegentlich zwischen „Piece“ und „Masterpiece“ unterschieden; letzteres bezeichnet dann nur das beste Werk eines Graffiti-Writers, sein Meisterwerk. Besonders gute Pieces werden auch mit dem Begriff „Burner“ belegt.

Je nach Grad der Komplexität werden Simple Style, Semi Wildstyle und Wildstyle unterschieden. Allerdings entsprechen sehr viele Werke nicht genau den nachfolgenden Definitionen, so dass sie in keine dieser Kategorien eindeutig eingeordnet werden können.

Simple Style: Die Buchstaben sind aufwändiger gestaltet als beim Throw-Up. Sie sind z.B. mit Serifen oder anderen (einfachen) Zusätzen versehen, überlappen fast immer und können gegeneinander geneigt sein, sind aber nicht miteinander verbunden und meist gut lesbar.
Simple-Style-Graffiti sind keineswegs immer einfach gehalten — das „Simple“ bezieht sich auf die Ausgestaltung der Buchstabenformen, nicht auf die Farbgebung und eventuell vorhandene Zusatzelemente.

Wildstyle: Die Buchstaben sind stark verformt und geneigt. Sie sind untereinander verbunden (wobei Verbindungen auch zwischen nicht benachbarten Buchstaben bestehen können) und/oder ineinander verschlungen. Zusätzlich sind die Buchstaben oft durch Zusätze oder Fortsetzungen ergänzt, die häufig in einem Pfeil enden. Dadurch ist die Lesbarkeit solcher Graffiti stark erschwert oder (insbesondere für Laien, u.U. aber auch für Insider) nicht mehr gegeben. Solche Graffiti sehen eher wie abstrakte Gemälde aus.

Semi-Wildstyle: Ähnlich dem Wildstyle; die Verfremdungen der Buchstaben sind aber weniger ausgeprägt, so dass die Buchstaben in der Regel (zumindest von mit der Materie Vertrauten) noch als solche erkannt und gelesen werden können.
Eine klare Grenze zwischen Semi-Wildstyle und Wildstyle gibt es nicht. Es wird auch nicht immer zwischen Semi Wildstyle und Wildstyle unterschieden; so nennen die meisten Graffiti-Lexika nur Simple Style und Wildstyle (z.B. bei Dosensport oder Wikipedia).


Piece / Simple Style (Komplexität, Stil)
Die Buchstaben sind verzerrt, geschwungen, geneigt und überlappen leicht, sind aber nicht miteinander verbunden. Zusätzlich ist das Graffiti mit einem Kommentar versehen.
München, Maximilianswerk (Feb. 2017)


Piece / Simple Style, Silverpiece (Komplexität, Stil)
Als Silverpiece wird ein Graffiti bezeichnet, bei dem die Buchstaben mit Chromsilber ausgefüllt sind. Oft wird diese Füllfarbe bei Blockbustern verwendet, aber durchaus auch bei anderen Graffiti.
Trotz der Größe (mehr als 2 Meter hoch) ist dies hier wegen der geschwungenen Buchstaben S und R und der wechselnden Strichstärken kein typischer Blockbuster. Da es mehr als drei Farben aufweist, ist es als Simple Style eingeordnet.
München-Obermenzing (Mai 2017)



Piece / Semi-Wildystyle (Komplexität, Stil)
Die Buchstaben sind unterschiedlich schräg gestellt, verschlungen und miteinander verbunden, aber dennoch (eingeschränkt) lesbar.
Berlin Prenzlauer Berg, Mauerpark (Aug. 2018)



Piece / Wildstyle (Komplexität, Stil)
Die Buchstaben sind so verformt, verschlungen und miteinander verbunden, dass sie nicht mehr lesbar sind.
München-Obersendling, Boschetsrieder Straße (Dez. 2019)



Piece / (Semi-)Wildystyle (Komplexität, Stil) mit Character
Obwohl mit Verzierungen und Fortsätzen versehen sind zumindest zwei Buchstaben noch er­kennbar: „T“ (grün/blau), und „H“ (violett).
Berlin Prenzlauer Berg, Mauerpark (Aug. 2018)




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